Sabine Tress’ paintings
Text written by Dr. Martin Stather for the exhibition at Rittershaus, Mannheim, Germany 2010
Sabine Tress’ paintings could be described as explosions of colour. So colourful that they are almost deafening. Painted surfaces, coloured splatters, eruptions of colour and layers of spray paint reminiscent of graffiti all are superimposed and interlocked. Her paintings are charged with a sense of spontaneity and friction. The viewer is compelled to wander about in a suggestive and imaginative painted world. The artist rarely paints day to day objects. An exception might be her works from the living room series. But even in those works she did not paint actual living rooms but shapes, objects and moods reminiscent of interiors and furniture. Her recent paintings are spontaneously executed and evolve throughout the painting process. No stories are being told in these paintings. It’s rather the creation of the paintings themselves that Sabine Tress wants to communicate. Underneath the many layers of paint we get a glimpse of the personality of the work. Her oeuvre could be described as experimental but at the same time self-evident. The titles of the paintings are spontaneous and don’t play an important role. Like a blind person the viewer must experience Sabine Tress’ paintings afresh without prefigured ideas.
Sabine Tress is not particularly bothered by art history even though she isn’t ignoring the facts. Her work is fuelled by moods and emotions and above all a constant struggle with the essence of painting. The finished painting could be compared to a homunculus, a little creature that has a life on its own. Growing up and being cherished and formed with the help of spray paint, acrylic paint and brushes, it might turn out to be friendly or rather nasty. Sabine Tress works simultaneously on several paintings to avoid waiting for them to dry. She paints numerous layers and some previous ones are still visible once the painting is finished, therefore making her working method apparent. The use of spray paint adds a fresh dimension to the paintings. There are festoons and fiery explosions and shapes that look like brush strokes but are sprayed onto the surface. Spray paint, used by street art from graffiti to Pochoir is used as an intelligent and contemporary way of artistic expression. It doesn’t create tension within the paintings, it actually seems to energise them. The results are paintings that go beyond traditional standards and their limitations. It’s like the viewer is listening to the orchestra tuning their instruments and the musical is about to start: Overwhelmed by colours and sounds he or she is constantly confronted with something new. There is so much to see! Sabine Tress’s paintings are the opposite of boring, her works can be looked at over and over again. What a treat!
Über die Malerei von Sabine Tress
Text von Dr. Martin Stather aus der Broschüre zur Ausstellung bei Rittershaus, Mannheim, 2010
Eine betäubende Farbigkeit umfängt den Betrachter. Farbfelder, laufende Farben, Farberuptionen und graffitiähnliche Sprühschichten ergänzen und überlagern sich gegenseitig, schaffen Bilder voller Spontaneität und Spannung.
Die Anstöße zu Assoziationen aller Art sind vielfältig und verführen den Betrachter zu einem Spaziergang im Bild. Sabine Tress vermeidet in der Regel Berührungen mit Dingen des Alltags – sie ist kaum an den Emanationen des täglichen Lebens interessiert, die in der Welt der Dinge fußen. Ausnahmen davon finden sich in älteren Arbeiten der „Living room“-Serie, die allerdings ebenso assoziativ auf Mobiliar und Interieur reagieren. Ihre aktuellen Bilder sind von einer spontanen Vorstellungskraft geprägt, die die Arbeiten im Fluss der Entstehung wachsen lassen, keine Geschichten erzählen, aber selbst Geschichten sind. Durch viele malerische Schichten, die sich übereinander legen, entfaltet sich die Vorstellung eines Bildes, das offen ist, zugleich aber eine dezidierte Persönlichkeit besitzt. Die Titel sind dabei nicht wichtig, ergänzen höchstens durch eine spontane Eingebung die Spontaneität des Bildes. Der Betrachter hat das schöne Gefühl, wie ein Blinder seine Umgebung neu fassen und erahnen zu müssen.
Die Malerei von Sabine Tress ist durch vielerlei Faktoren bestimmt – das Wissen um die Kunstgeschichte, das bewusste Ausblenden derselben, momentane Stimmungen und Empfindungen und – ganz besonders wichtig – eine Auseinandersetzung mit der Malerei und Farbe, die von Ernsthaftigkeit und Leidenschaft geprägt ist. So entstehen Malereien, die wie homunculi erschaffen werden: sorgfältig entstehende Gebilde mit allen Zutaten des Lebens, die langsam wachsen dürfen und ihr Lebenspotential beweisen müssen – von den ersten Schritten bis hin zum fertigen Konstrukt. Bildgewordener Geist, von den Vorstellungen, Vorlieben und der Schaffenskraft seiner Schöpferin hervorgebracht, dürfen die Arbeiten dann ein Eigenleben entfalten, dem Pinsel und der Sprühdose entlaufen, sich dem Betrachter freundlich andienen oder ihm die lange Nase zeigen. Mit rascher Hand werden Flächen gefüllt, an mehreren Leinwänden gleichzeitig gearbeitet, weil die Farbe nicht rasch genug trocknet, Untermalungen sichtbar stehengelassen und der Prozess des Schaffens für den Betrachter nachvollziehbar gemacht.
Die Arbeit mit der Sprühdose ergänzt die Arbeit mit dem Pinsel – Girlanden scheinen da auf, Leuchtfeuer und Formen, die den Schwung des Pinsels nachvollziehen, aber die Bewegung der Hand dennoch in ein anderes Medium transportieren. Die Sprühdose als Mittel der Street-Art von Graffiti bis Pochoir entwickelt die rein malerische Form als intelligente und zeitgemäße Kunstform weiter.
Dabei entstehen keine Gegensätze, vielmehr eine spannungsreiche, freche Malerei, die sich traditionellen Beschränkungen mit Erfolg widersetzt. Das Orchester intoniert die Ouvertüre und legt dann los. Der Betrachter wird von einem Klang- und Farbenteppich überrollt und muss sich in jedem Quadratzentimeter des Bildes auf etwas Neues einstellen. Und was es da nicht alles zu sehen gibt! Ein großes und nicht zu unterschätzendes Verdienst der Künstlerin ist die Tilgung der Langeweile im Bild; diese Bilder kann man immer wieder sehen und entdeckt immer Neues in ihnen; was kann man Besseres von Bildern sagen?